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02.03.2017

Berlin Legal Tech 2017 Insides

Jan Willem Kothe, Jakobus Schuster und Bernardo Wappler berichten in diesem Blogbeitrag von ihren Eindrücken zum Hackathon und der Konferenz, die Anfang Februar in Berlin stattgefunden hat.

Als wir Dienstagnachmittag in den Bus nach Berlin steigen, wissen wir noch nicht recht, was uns erwartet. „Wir fahren einfach hin und schauen, was passiert“ nehmen wir uns vor.

Am Mittwochmorgen betreten wir dann das Büro von IOTA, der „Internet of things association“. Bei der Anmeldung bekommen wir einen farbigen Punkt auf die Brust geklebt – Blau für Juristen, grün für Entwickler und Rot für beides, also „Legal Engineers“. Beim Frühstück lernen sich die Teilnehmer des Hackathons zunächst kennen – wir treffen die verschiedensten Persönlichkeiten, vom Juristen bei Deloitte digital bis zum Informatik-Studenten.

Nachdem wir unseren Kaffeedurst gestillt haben, geht es weiter mit dem „Idea-Hacking“ – Sortiert nach den Kategorien „Blockchain“, „Künstliche Intelligenz“ und „Industrialisierung des Rechts“ werden erst Probleme identifiziert und dann mögliche Lösungen besprochen. Wer glaubt, eine gute Idee zu haben, denkt weiter darüber nach und sucht sich ein Team. Im Laufe des Vormittags gibt es immer wieder kleine Pitch-Runden, bei denen Teilnehmer ihre Idee kurz vorstellen und weitere Team-Mitglieder finden können.

Während manche Teilnehmer noch weitgehend planlos sind, fangen die ersten schon an zu hacken. Die erfahrenen Teilnehmer kommen mit vorgedruckten T-Shirts und vorbereiteten Ideen. Wie es sich für Hacker gehört, stehen Pizza und Bier bereit, wer will kann die ganze Nacht durchhacken. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, den eigenen Schlafsack mitzubringen.

Wir entscheiden uns, eine automatisierte Möglichkeit zu entwickeln, um Minderungsansprüche auf Kreuzfahrten und Pauschalreisen durchzusetzen. Das Problem scheint durchaus lösbar, am Mittwochabend entschließen wir uns aber, unser eigenes Projekt zurückzustellen und stattdessen die Workshops zu besuchen, die am Donnerstag für Juristen angeboten werden. Dort treffen wir unter anderem auf Meng Wong, einen Südkoreaner, der gerade in Harvard eine Programmiersprache entwickelt, mit der Gesetze und Verträge abgebildet werden können. In seiner Zukunft werden wir bald stets zwei Dokumente haben – einen Vertrag in Code, der erst durch einen Computer zu Klartext kompiliert wird. Die Vorteile sind klar: Liegt der Vertrag in computerlesbarer Form vor, so wird es möglich sein, Widersprüche zu erkennen, auf Vereinbarkeit und Durchsetzbarkeit in einer bestimmten Rechtsordnung zu prüfen, sowie Versionen in verschiedenen Sprachen auszugeben. Klingt spannend? Mehr gibt es auf https://legalese.com

Legalhead, dessen Gründer uns Tipps mit auf den Weg gibt, ist Tinder für Kanzleien und Anwälte. Wer matcht wird Arbeitnehmer. Pro gefundenem Arbeitnehmer zahlen Kanzleien übrigens 15.000 €. 3.000 € davon bekommt der Arbeitnehmer als eine Art „Signing bonus“.

Am Donnerstagabend pitchen die Teams, die am Hackathon teilgenommen haben, ihre Ideen – als Gewinner geht RenoJane hervor, eine Art Siri für Anwälte, die mit jeder Kanzleimanagement-Software kompatibel ist. Zwar bleibt unklar, wie viel von der versprochenen Funktionalität wirklich schon verfügbar ist und wie viel nur durch geschickte Präsentation vorgegaukelt wird. Darum geht es bei dem Hackathon aber gar nicht – entscheidend ist, Ideen zu testen: Was kommt bei den Anwälten an? Womit lässt sich Geld verdienen und wo lohnt es sich nicht weiter, Ressourcen zu investieren? Er ist die perfekte Gelegenheit um zu entscheiden, ob die eigene Idee top oder flop ist.

Freitagmorgen ändert sich die Atmosphäre auf einmal – Berliner Hipster sind verschwunden, Anwälte dominieren und sind wieder als solche erkennbar – Nach dem Hackathon beginnt die Legal Tech Konferenz.

Die Stimmung pendelt zwischen Panik und Euphorie – Neue Techniken versprechen große Potentiale und Möglichkeiten, andererseits spürt jeder die Angst, wegrationalisiert zu werden.

Paul von Bünau, Mathematiker und Managing Director der IdaLab GmbH, ist spezialisiert auf künstliche Intelligenz und erklärt uns für Juristen verständlich, wie sie funktioniert, was sie kann und wo die Grenzen liegen.

Aktuell basiert die künstliche „Intelligenz“ im Wesentlichen darauf, anhand von sehr großen Datenmengen Muster zu erkennen und basierend auf diesen Mustern vorherzusagen, ob ein Fall in das Muster passt oder nicht. Später beim Essen erklärt Herr von Bünau, dass die Schwierigkeit derzeit vor allem darin liegt, entsprechend strukturierte und sehr umfangreiche Datensätze zu erlangen sowie in der geschickten Ermittlung, welche Fragen man mit welchen Daten beantworten kann. Als ein Patentanwalt ihn fragt, womit er anfangen soll und welche Daten er erheben soll, antwortet Herr von Bünau: „Ich würde mir zuerst überlegen, welche Frage ich mit künstlicher Intelligenz beantworten will. Dann überlege ich mir, welche Daten ich zur Beantwortung dieser Fragen benötige.“ Dann kann man anfangen, die KI anhand der vorhandenen Daten zu trainieren.

Ein anderes großes Thema sowohl beim Hackathon als auch bei der Konferenz ist Blockchain – eine dezentrale unveränderliche Datenbank, der allgemein enormes Potential zugerechnet wird, unser Zusammenleben und unser Wirtschaftssystem nachhaltig zu verändern. Obwohl es viele mögliche Szenarien gibt, in denen die Blockchain theoretisch einsetzbar ist, ist bisher wenig in der Praxis angekommen. Ein Team beim Hackathon möchte ein System für Zeitarbeiter anbieten, bei dem die Arbeitnehmer ihre Arbeitszeiten unveränderlich in der Blockchain abspeichern – so kann nachher niemand behaupten, sie seien gar nicht vor Ort gewesen und hätten nicht gearbeitet. Ein Herr von Deloitte schwärmt davon, wie viel einfacher Audits werden, wenn man aufgrund der Blockchain zentral auf alle Daten zugreifen kann, die nicht im Nachhinein verändert werden können und daher absolut zuverlässig sind.

In den drei Tagen in Berlin wurden viele Visionen ausgetauscht, wie sich die juristische Arbeit in den nächsten Jahren verändern könnte. Einige dieser Visionen klingen wie sehr fern liegende Zukunftsmusik. Bei anderen kann man sich jedoch durchaus vorstellen, dass sie schon bald fest im Alltag vieler Juristen verankert sein werden. Vielleicht wird das technologisch getriebene Entwicklungspotential im juristischen Bereich auch im Euphorierausch nach der Veranstaltung überschätzt. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass sich in Zukunft auch der Jurist mit „hacking“ beschäftigen muss.

Wir bedanken uns herzlich beim Bucerius Center on the Legal Profession, das uns die Reise nach Berlin und die Teilnahme an der Konferenz ermöglicht hat.

Von Jan Willem Kothe, Jakobus Schuster und Bernardo Wappler