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18.12.2017

En Marche!

Unlängst konnte man, nach der jährlichen Preisverleihung bei Juve, über eine der Gewinnerkanzleien lesen, diese „sei mit der Entwicklung einer Softwarelösung für Due-Diligence-Prozesse in der Legal-Tech-Bewegung aktiv“.

Man stutzt bei der „Legal Tech Bewegung“ – und muss unweigerlich an den französischen Staatspräsidenten und seine Bewegung „La République en Marche!“ denken, die ihn ins Amt gebracht hat, vorbei an allen etablierten Parteien. Ähnlich in Österreich, wo Sebastian Kurz es mit seiner (aus der ÖVP stammenden und gleichzeitig an ihr vorbeiführenden) Bewegung zu einem Wahlsieg gebracht hat, der ihn vielleicht zum jüngsten Bundeskanzler macht, den Österreich jemals hatte (vermutlich umfasst dieser Rekord auch einige weitere europäische Staaten). Aber auch dort eine Bewegung, bewusst kein Parteiwahlkampf. Die Besonderheit der französischen En Marche-Bewegung war, dass ihre Unterstützer durchaus auch Mitglieder in anderen Parteien sein konnten, denn En Marche! war und ist eine Initiative, die über Parteigrenzen hinaus die Französische Republik, die trotz aller Modernität ein sehr liebenswert traditionalistisches und fast unbewegliches Land ist, nach vorne bringen soll.

Ist Legal Tech eine „Bewegung“? Ein Zusammenschluss der parteilich Unorganisierten oder auch Organisierten, die es mit dem Establishment der Rechtspflege aufnehmen, um etwas zu erreichen, was im Rahmen des Althergebrachten nicht zu erreichen ist? Hinweg mit den alten Zöpfen des Rechtsmarkts, der verstaubten Justiz und der monopolistischen Anwaltschaft, hin zu einem echten Verbraucherschutz und Zugang zum Recht, mit modernen und effizienten Arbeitsweisen? Steckt das hinter einer Legal Tech-Bewegung?

Vielleicht ist es ja auch nur eine journalistische Sumpfblüte. Aber immerhin gibt es zu denken und darüber hinaus Anlass, kurz den Stand der Dinge bei Legal Tech zu betrachten. Dazu ein kurzer Rückblick auf 2017, dann eine Bestandsaufnahme und ein kleiner Ausblick auf 2018 ff.

Rückblick

Das Jahr 2017 war die Hochkonjunktur von Legal Tech. Das kann man schon an der Vielzahl der Konferenzen zu diesem Thema sehen. Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Legal Tech-Unternehmen für alle möglichen Themen und Anwendungen. Dass der DAV seinen Anwaltstag komplett unter das Motto „Innovationen und Legal Tech“ gestellt hat, spricht Bände – der DAV ist schon deutlich fortschrittlicher geworden, aber das war schon ein Zeichen. Daneben gab und gibt es viele kleinere Seminare, sehr praxisbezogen, denn viele Anwälte brauchen wirklich noch eine eingehende Erklärung, worum es eigentlich geht, verbunden mit praktischer Hilfestellung. Diesem Bedürfnis kommen jetzt auch einige der regionalen Kammern nach – an der Spitze die ruhmreiche RAK München, die ein überaus preisgünstiges Seminar mit sehr guten Referenten entwickelt hat. So muss es sein: Die Schwellen zu diesen Themen müssen gesenkt werden, damit Anwälte die vielen technischen Neuerungen nicht als Bedrohung, sondern als echte Chance begreifen. Da stehen wir aber noch nicht, denn nach einer Studie des Soldan Instituts sind 46% der Anwälte der Meinung, Legal Tech sei nur gut für die nichtanwaltliche Konkurrenz, nicht aber für die Anwaltschaft. Diese Stimmung ist kein guter Motivator, um sich den Veränderungen zu stellen – denn die Veränderungen kommen, daran gibt es gar keinen Zweifel.

Stand der Dinge

Es gibt in der deutschen Wikipedia eine gute Definition dessen, was Legal Tech ist. Zuviel Zeit mit Definitionen sollte man aber nicht verschwenden. Letztlich geht es um die Digitalisierung des Rechtsmarktes, was wiederum ein kleiner Ausschnitt der digitalen Transformation der Gesellschaft ist. Kurz und praktisch: Wie können Anwälte mit Hilfe von Technik ihre Leistung für Mandanten verbessern, wie bekommen Mandanten über Technik besseren und vor allem leichteren Zugang zu Anwälten, und welche neuen Beratungsangebote (oder „Produkte“) können mit Technik entwickelt werden? Mit der Frage kann man heute schon anfangen. Ein Profil bei anwalt.de ist schon mal super – aber nicht genug! Man muss sich nur die dortigen Rechtsprodukte ansehen, dann versteht man, was gemeint ist. Um so etwas anzubieten, müssen Arbeitsabläufe so gestaltet werden, dass man immer noch auf einen guten Schnitt kommt. Sonst ist es nur ein viel zu billiger Preis für eine aufwendig hergestellte Dienstleistung.

Ausblick

Im nächsten Jahr wird sich die Zahl der Konferenzen vermutlich und hoffentlich reduzieren, denn ausufernde Vorträge braucht man nicht mehr. Es gibt da auch zu viele Trittbrettfahrer, die nicht weiterhelfen. Wichtig sind praktische Hilfestellungen für Anwälte, und alles, was diesen Bedarf abdeckt, wird weiterhin boomen.

Ist Legal Tech nun eine Bewegung? Sicher nicht. Es ist, siehe oben, die normale Entwicklung unserer Profession in einer digitalisierten Welt. Es betrifft uns alle, egal ob wir uns „der Bewegung“ anschließen oder nicht. Es geht auch nicht bloß um Technik ist, die sich verändert – es sind die veränderten Mandantenerwartungen, denen man nur noch mit neuer Technologie nachkommen kann.

Hinweis: Dieser Beitrag erschien zunächst im anwalt.de Magazin, Ausgabe 2, Januar 2018, S. 12. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von anwalt.de. – Markus Hartung ist Mitherausgeber und Co-Autor des Buchs „Legal Tech. Die Digitalisierung des Rechtsmarktes“, Verlag C.H. Beck, München 2018

Markus Hartung