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12.09.2017

Legal Technology und die Digitalisierung des Rechtsmarkts

Interview mit Markus Hartung und Dirk Hartung

Legal Technology wird in Kanzleien und für angehende Juristen immer wichtiger. Wir sprachen mit zwei Experten der Bucerius Law School über das Boom-Thema des Jahres: Markus Hartung, Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession, und Absolvent Dirk Hartung. Der Bucerius-Alumnus ist seit Januar 2017 Executive Director Legal Technology und macht Studierende fit für die Digitalisierung. Was wird uns in Zukunft erwarten?


Können Sie erklären, was Legal Tech im Rechtsmarkt genau meint?

Markus Hartung: Das ist ein Sammelbegriff für alles Technologische. Dahinter verbirgt sich jede Software, die die Arbeit von Juristen ergänzt und unterstützt. Dabei unterscheidet man in drei Kategorien: Legal Tech 1.0 ist alles, womit der alltägliche Workflow innerhalb der Kanzlei besser wird: juristische Datenbanken, Spracherkennungsprogramme, Zeiterfassung. Software der Kategorie 2.0 beherrscht dagegen gewisse Automatismen, bildet automatische Workflows ab wie Administrierung von Sachverhalten oder bestimmtes Einholen von Genehmigungen. Für regelmäßig wiederkehrende Abläufe werden Dokumente einmal eingegeben und automatisiert. Bei 3.0 wird es schon schwieriger. Diese Tools untersuchen, lesen und verstehen Dokumente. Die Software sucht nicht nur nach Begriffen, sondern Sinnzusammenhängen. Solche Software, ob jetzt E-Discovery oder Document Review, wird eingesetzt, um große Mengen von Dateien zu überprüfen und Informationen zu extrahieren.  


Nennen Sie bitte ein Beispiel?

Markus Hartung: Wenn Anlageimmobilien verkauft werden, will der Käufer wissen, wie ertragsstark sie sind. Früher saß dafür jemand am Bildschirm, der alle Mietverträge durchging und erfasste. Heute gibt es Software, die diese Arbeit in der ersten Stufe erledigt. Sie erkennt bestimmte Wörter in einem Zusammenhang, erstellt ein Exzerpt mit wirtschaftlichen Daten, womit der Anwalt weiterarbeiten kann. Die Vorteile: Die Software findet alles schneller heraus als ein Mensch und arbeitet fehlerfreier als dieser.  


Klingt nach einer großen Veränderung im Rechtsmarkt.

Markus Hartung: So ist es. Softwaretechnologie hilft insbesondere bei der Erarbeitung und Strukturierung von umfangreichen Sachverhalten, und sie kann außerdem Korrelationen zwischen Daten, Muster und Abweichungen erkennen. Wenn man z.B. zehntausende von Gerichtsentscheidungen analysiert, kann man Muster der Entscheidungen erkennen, und vielleicht erlauben diese Muster eine Prognose über künftige Entscheidungen. Wenn es also um die Erfolgsaussichten einer Klage geht, ist der Anwalt in der Regel auf sein gehobenes Bauchgefühl angewiesen. Software liefert da viel mehr an Material, anhand dessen man eine verlässliche Risikoentscheidung treffen kann.  


Wie sieht es in der Rechtsberatung für Ottonormalverbraucher aus?

Markus Hartung: Da Verbraucheransprüche in der Regel kleinteilig (und für Anwälte meist wirtschaftlich uninteressant) sind, steht es damit nicht zum Besten in Deutschland. Laut einer Untersuchung des GDV Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft gehen 70 Prozent der Bevölkerung nicht zum Anwalt, aus Angst vor den Kosten. In den letzten Jahren haben sich Angebote entwickelt, die standardisierbare Verbraucheransprüche in hohen Fallzahlen durch Technologie günstig bearbeiten. Das sind z. B. Onlineseiten wie wenigermiete.de oder flightright.de. Für die Verbraucher ist es eine völlig risikofreie Angelegenheit und die Beratung durch solche Legal Tech-Angebote wird für sie einfacher und effektiver. Flightright zum Beispiel hilft, Entschädigungsansprüche durchzusetzen, wenn ein Flug mehr als zwei Stunden Verspätung hat. Der Regelstreitwert sind 250 Euro, der höchste Streitwert 600 Euro. Lange Jahre wurden die Ansprüche nie durchgesetzt. Denn Fluggesellschaften berufen sich auf höhere Gewalt bei Verspätungen und wollen nicht zahlen. Flightright macht diese selber geltend oder beauftragt Anwälte. Am Ende bekommt der Fluggast seine Entschädigung, abzüglich einer Provision. Bei Nichterfolg fallen für ihn keine Kosten an. Anders beim Anwalt, da besteht immer ein Kostenrisiko.  


Warum ist Legal Tech so wichtig und erfährt gerade einen Hype?

Markus Hartung: Weil es existiert. Legal Tech wird vorangetrieben über Mandanten im wirtschaftsrechtlichen Bereich. Es hat sich in rasantem Tempo entwickelt. Vor drei Jahren war das gar nicht so auf der Agenda. Im letzten und vor allem in diesem Jahr ist es das absolute Boom-Thema. Das sehen wir an Veröffentlichungen und Konferenzen.

Dirk Hartung: Vor zwei bis drei Jahren, ich denke an die Recherchezeit unserer gemeinsamen Studie "How Legal Technology Will Change the Business of Law", gab es in Europa noch kaum Gesprächspartner, wenn dann vereinzelt Akteure, aber keine Legal Technology-Szene. Heute wollen alle mit uns darüber sprechen. Diese Begeisterung freut mich natürlich außerordentlich. Gleichzeitig führt sie auch zu einer Erwartungshaltung, welche die Entwicklung nicht enttäuschen darf. Daher muss man realistisch vermitteln. Die Digitalisierung im rechtlichen Kontext ist bisher kaum erforscht gewesen. Mit dem, was im Moment passiert, werden die Grundlagen gelegt. Der Zeitpunkt liegt ein Stück weit an der Technologie selber. Die notwendige Hardware ist günstiger geworden und gerade beim Machine Learning ist die Software einfacher und günstiger verfügbar als noch vor zehn Jahren. Das ist der technologische Treiber hinter der aktuellen Entwicklung. Und: Es gibt viel mehr Daten als früher, mit denen wir arbeiten können.  


Freuen sich Anwälte über den Trend?

Markus Hartung: Im Gegenteil, 40 Prozent der Anwälte sind eher besorgt. In der Anwaltschaft gibt es keine positive Stimmung, so nach dem Motto: Endlich können wir diese standardisierten Dinge loswerden. Die anwaltliche Profession ist eine Schnecke, die sich mit dem extrem hohen Tempo der Digitalisierung anfreunden muss.  


Wie reagieren die Hochschulen auf den Trend?


Dirk Hartung: Es gibt an einigen Einrichtungen Ansätze, diese Entwicklung in den Studieninhalten abzubilden. Aber die Prozesse brauchen ihre Zeit. An der Bucerius Law School waren wir glücklicherweise ganz vorne bei dieser Entwicklung dabei und haben sie maßgeblich mitgeprägt. Daher haben wir schon umfangreiche Angebote, die wir bis zum Jahresende und darüber hinaus erheblich ausbauen. Als innovative Hochschule spüren wir diese Trends, weil wir – beispielsweise mit dem Center on the Legal Profession und über unsere Förderer – gut angebunden sind an die Praxis. Die Themen kommen früher bei uns an. Daher haben wir auch bereits Erfahrungen mit Kurskonzepten, während andere noch an Konzepten arbeiten. Außer uns weiß ich momentan niemanden, der in Deutschland etwas Vergleichbares anbietet.  


Was bietet die Bucerius Law School für die Ausbildung?

Dirk Hartung: Ich war in den USA an jeder Uni, die sich mit Legal Tech beschäftigt, habe mit Professoren gesprochen, Studierenden, Mitarbeitern in der Verwaltung. Anschließend habe ich das Bild in der Bucerius Law School gespiegelt. Unser Ansatz ist ganzheitlich. Wir machen kleine Pilotprojekte und das nicht erst seit gestern. Seit 2015 bieten wir Legal Tech Lectures an. Freiwillig. Dafür holen wir innovative Unternehmer und Wissenschaftler zum Vortrag und stellen Räume, Brezeln und Wein, wie man es bei Bucerius kennt. Wiederum mit IBM bieten wir einen Kurs an, in dem unsere Studierenden gemeinsam mit Studierenden der Informatik Funktionen aus Watson-Tools kennenlernen und das Programm weiterentwickeln können. Im nächsten Schritt benötigen wir eine technologische Grundausbildung, die eingebunden wird in den Bachelor. Mittelfristig wollen wir mit unseren amerikanischen Partnern Fragen erörtern. Ein denkbares Format wäre eine Summer School. Ein gutes vier- bis fünfjähriges Bildungserlebnis zu schaffen, ist unser Ziel und dazu gehört heute auch ein Verständnis für Technologie. Unsere Studierenden erwarten, dass wir mit unseren Inhalten richtigliegen. Wir planen immer für die nächsten fünf bis sieben Jahre. Erst dann ist ein Studierender auf dem Arbeitsmarkt und unsere Ausbildung muss sich bewähren.  


Verbessern sich Karrierechancen, wenn Sie Studierende technisch fit machen?


Dirk Hartung: Natürlich. Die Studierenden sollen ein grundlegendes technisches Verständnis erhalten. Sie müssen nicht fortgeschritten programmieren können, aber die Terminologie kennen und richtig verwenden, ein Gefühl fürs Programmieren und für technologische Zusammenhänge bekommen. Wir wollen sie in die Lage versetzen, zu erkennen, wann Technologieeinsatz sinnvoll ist, und kritisch bewerten zu können, wo Technologie an ihre Grenzen stößt.  


Wird es neue Berufsfelder geben?


Dirk Hartung: Ja, das Berufsbild der Juristen wird differenzierter und spannender. Bisher gab es beispielsweise keine juristischen Datenanalysten, in Zukunft werden sie gebraucht. In den Übergangsphasen einer Kanzlei können Juristen mit Technologiekenntnis als Berater und Innovationstreiber zur Seite stehen. Gleichzeitig brauchen wir weiterhin viele Primärjuristen, die vor allem inhaltlich beraten. Aber auch wer eine klassische Karriere anstrebt, muss sich differenzieren. Wer versteht, wie man mit Technologie Geld verdient, hat es leichter, Partnerin oder Partner zu werden. Außerdem sind Juristen gefragt, die mit einem Verständnis der Materie Technologien regulieren und über die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Recht und dessen soziale Funktion nachdenken. Kurzum: In Zukunft brauchen Anwälte, Richter, Unternehmens- und Verwaltungsjuristen Technologiekenntnisse. Je mehr sie haben, desto besser werden sie ihre Aufgaben erledigen können.


Die Bucerius Law School lässt Legal Tech in die Ausbildung einfließen und hat das Bucerius Center on the Legal Profession ins Leben gerufen. Wie arbeitet es?

Markus Hartung: Wir bieten Grundlagenseminare an, erklären, was es gibt, wo sich Legal Tech bemerkbar macht oder wie ein Digitalisierungsprozess in einer Kanzlei abläuft. Völlig neue Themen, die es früher nicht gab, und die man im Studium nicht gelernt hat. Das nächste Seminar findet am 28. September statt unter dem Titel "Legal Tech Strategie für Wirtschaftsanwälte". Es gibt meines Wissens keinen anderen Anbieter außer uns zurzeit im deutschsprachigen Raum, der Kurse dazu anbietet. Wir halten zudem Vorträge, schreiben Veröffentlichungen und gerade an einem Buch, das Ende des Jahres erscheint. Es ist das erste überhaupt, das sich eingehend mit Legal Tech befasst. Wir unterstützen auch Kanzleien oder Rechtsabteilungen auf dem Weg in die Digitalisierung. Dabei betrachten wir den Workflow der Arbeit und überlegen, was standardisiert und automatisiert werden kann und welche neuen Beratungsangebote entwickelt werden können.  


Mittlerweile gibt es eine Anwalts-Chatbot im Netz. Ersetzt Technik bald den Anwalt?

Dirk Hartung: Das ist ein gern beschworener Mythos, um den Leuten Angst zu machen. Ich glaube eher an den "augmented lawyer", der seine Aufgaben mit Hilfe von Technologie erledigt, als an die Invasion der Roboteranwälte. Ein Chatbot ist an sich erstmal nur eine besondere Nutzeroberfläche, hinter der eine Entscheidungslogik liegt. Diese kann auf Machine Learning oder auf vorgegebenen Regeln basieren und dann mit den Eingaben des Nutzers umgehen. Ich kann nur sehr begrenzt offene Fragen stellen und eine menschliche Antwort erwarten. Je nachdem, was ein Anwalt macht, wird er mehr oder weniger betroffen sein. Wer innovativ arbeitet, wird auch in zehn Jahren nicht ersetzt werden.  


Was meinen Sie, wie sieht der Rechtsmarkt dann aus?

Markus Hartung: Ein Computer wird den Anwalt wie schon gesagt nicht ersetzen, wohl aber einige oder viele Aufgaben, die ein Anwalt erledigt. Und Juristen müssen sich fragen, was ist bei der Beratung wirklich mein Teil, den ich nicht durch einen Algorithmus erledigen lassen kann? Die Technologie ist da, geht nicht mehr weg. Im Gegenteil: Sie wird immer besser. Was von Technologie übernommen werden kann, wird auch von dieser übernommen, und das bleibt nicht ohne Auswirkungen für die traditionelle Anwaltsarbeit. Anwälte werden nicht überflüssig, aber ihre Tätigkeiten unterscheiden sich dann sehr von dem, was wir heute kennen.

Dirk Hartung: In zehn Jahren ist vor allem der Rechtsmarkt besser. Verbraucher kommen einfacher an ihr Recht und Unternehmen günstiger. Es wird alternative Anbieter geben und die Arbeit für Juristen wird abwechslungsreicher und spannender. Große Kanzleien werden Aufgaben verlagern und noch besser und transparenter mit ihren Mandanten zusammenarbeiten. Um das zu erreichen müssen, wir uns dauerhaft mit Technologie und Themen wie Projektmanagement und Prozessoptimierung beschäftigen – nicht nur, aber insbesondere in der Ausbildung.