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22.05.2017

„Hallo! ich bin RATISBOT, der erste deutsche Anwalts-Chatbot…“

Ein Gastbeitrag von Martin Bartenberger und Sven Galla

Das Silicon Valley ist ein schönes Fleckchen Erde. Besonders im Frühling. Nochmals schöner wirkt der kalifornische Frühling, wenn sein deutsches Pendant sich gleichzeitig noch als Spätherbst tarnt und Schneeflocken ins Land weht. Wir haben den kurzweiligen Reisebericht von Markus Hartung zur Legal Tech Tour deshalb mit großem Interesse und Fernweh aus dem kalten Bayern verfolgt. Insbesondere als er von den Vorträgen zum Thema „Legal Chatbots“ berichtete.

Denn der kalte Frühling hierzulande hatte auch seine positiven Seiten. Die Möglichkeiten zur Ablenkung waren beschränkt, und so waren wir zur gleichen Zeit mit der Verwirklichung einer Idee beschäftigt, die uns schon länger umtrieb: den ersten deutschen Anwalts-Chatbot zu veröffentlichen.

Wir freuen uns über die Einladung von Markus Hartung, die Motivation hinter unserem Chatbot sowie das allgemeine Potential von Legal Chatbots hier diskutieren zu können. Unser Beitrag beginnt mit einer kurzen allgemeinen Einführung zum Thema Chatbots. Danach diskutieren wir das Potential von Chatbots für die moderne Rechtsberatung und erklären die Motivation hinter RATISBOT, dem ersten deutschen Anwalts-Chatbot.

Was sind Chatbots?

Ein Chatbot ist ein Computer-Programm, das automatisch mit Nutzern chattet. Der Nutzer kann dem Chatbot Fragen stellen („Wie wird das Wetter morgen?“) und erhält eine (hoffentlich) hilfreiche Antwort („In San Francisco wird es warm bei 20°C, in Passau schneit es bei 2°C“).

Chatbots als Nachfolger der Apps

Chatbots gelten derzeit als die Nachfolger von „Apps“. Vor wenigen Jahren waren Apps der neueste Trend. Smartphone-Nutzer installierten sie in großer Zahl, und gefühlt jeder „Tante-Emma Laden“ war mit einer eigenen App im App-Store vertreten. Das Problem: viele Apps kopierten lediglich die Funktionalität der Anbieter-Webseite und schafften keinen wirklichen Mehrwert für den Nutzer. Viele der installierten Apps wurden deshalb nie oder nur einmal benutzt, wie zahlreiche Untersuchungen bestätigten.

Ein weiterer Nachteil von Apps ist die Aufspaltung der Kommunikationskanäle. Um mit Firma A zu kommunizieren, muss ich App A installieren, für Firma B brauche ich App B. Chatbots gelten als „Apps der Zukunft“, weil sie beide Probleme herkömmlicher Apps lösen: sie bieten echten Mehrwert für die Nutzer und schaffen einheitliche Kommunikationskanäle.

Die Vorteile von Chatbots

Mehrwert schaffen Chatbots vor allem durch die intuitive und flexible Nutzung. Die Nutzung erfolgt in Form eines Dialogs, eine Art der Kommunikation, die jedem Menschen bekannt ist. Ich stelle dem Chatbot eine Frage und er antwortet. Oder: der Chatbot stellt mir eine Frage und ich antworte. Schnell ist der Umgang mit Chatbots gelernt. Man testet verschiedene Fragen und Antworten und tastet sich so langsam an die Funktionalität des Chatbots heran. Gleichzeitig schafft die „natürliche“ Form des Dialogs Vertrauen und macht in den besten Fällen sogar Spaß.

Wie aber können Chatbots dabei helfen, einheitliche Kommunikationskanäle zu schaffen? Erstens, indem sie das Format des „natürlichen“ Dialogs als Standard für die Mensch-Maschinen Interaktion etablieren. Zweitens, durch die Tatsache, dass sich Chatbots meist auf gemeinsamen Plattformen befinden. So reicht es bereits heute aus, sich die Facebook Messenger App zu installieren, um mit zahlreichen verschiedenen Chatbots zu kommunizieren. Diese Chatbots sagen mir, wie morgen das Wetter wird, wann der nächste Flug nach Nowosibirsk geht und versorgen mich mit den neuesten Nachrichten.

Statt für jede einzelne Aufgabe eine eigene App zu installieren, schaffen Chatbots damit ein einheitliches Format, um diese Aufgaben einfacher und intuitiver zu erledigen.

Potential von Chatbots für die Rechtsberatung

Über diese allgemeinen Vorteile von Chatbots hinaus schreiben wir Chatbots auch ein besonderes Potential für die Rechtsberatung zu. Deswegen haben wir kürzlich den ersten deutschen Anwalts-Chatbot veröffentlicht. Zugegeben: noch ist der Chatbot relativ einfach gehalten. Er kann ausschließlich zum Thema Flugverspätung beraten und versteht auch schon mal eine komplexere Antwort nicht. Aber das ist erst der Anfang.

Denn was mit Anwalts-Chatbots möglich ist, hat Joshua Browder vorgemacht. Browder entwickelte DoNotPay, einen Chatbot der in den USA und Großbritannien Autofahrer bei Bußgeldbescheiden und Flüchtlingen bei Asylverfahren unterstützt.

Die Stärken von Anwalts-Chatbots

Der Erfolg von DoNotPay war beeindruckend und unserer Ansicht nach kein Zufall. Wir sehen drei Gründe für das Potential von Chatbots im Bereich der Rechtsberatung:

  1. Chatbots erleichtern den Zugang zum Recht. Viele Menschen scheuen den Gang zum Anwalt, weil Sie die Kosten fürchten und sensible, unangenehme Themen nicht mit einem Fremden besprechen wollen. Ein Chatbot kann diese Hürde senken und eine erste, unverbindliche und oftmals sogar kostenlose Form der rechtlichen Unterstützung leisten.
  2. Dialog zwischen Anwalt und Mandant. Der Dialog ist die vorrangige Form der Kommunikation zwischen Anwalt und Mandant. Ebenso ist der Dialog die klassische Kommunikationsform von Chatbots. Es bietet sich also an, den Dialog des Anwalt-Mandanten-Gesprächs in Form eines Chatbot-Dialogs abzubilden.
  3. Ähnlichkeit des Dialogs. Linguistische Forschungen haben (wenig überraschend) ergeben, dass anwaltliche Beratungsgespräche bestimmten Mustern folgen. Um bestimmte Sachverhalte zu erheben und sich einen Überblick über den Fall zu schaffen, stellt der Anwalt vorgegebene Fragen. Auf Grundlage der Antworten lässt sich dann eine rechtliche Einschätzung treffen.

 

Die Motivation hinter dem RATIS-Chatbot

RATIS versteht sich als ein neuer Typ von Anwaltskanzlei. Wir sind kein Legal-Tech-Unternehmen, sondern eine Kanzlei, die die Möglichkeiten der Digitalisierung bestmöglich nutzt. Digitalisierung ist für uns dabei ein Mittel zum Zweck, kein Selbstzweck. Vor diesem Hintergrund haben wir beschlossen, den ersten deutschen Anwalts-Chatbot zu entwickeln.

Rechtsanwälte sehen sich zusehends der Konkurrenz von nicht-anwaltlichen Dienstleistern ausgesetzt, die ihre Dienstleistungen auf Grundlage einer rein erfolgsbasierten Vergütung erbringen. Entsprechende Vergütungsabreden sind dem Rechtsanwalt allenfalls im konkreten Einzelfall erlaubt. Mithilfe des Chatbots schafft RATIS im Bereich der Flugverspätungs-Entschädigung ein konkurrenzfähiges anwaltliches Angebot zu den provisionsabhängigen Vergütungsmodellen der nicht-anwaltlichen Dienstleistern.  

Denn: Erfolgsbasierte Vergütungsmodelle funktionieren dort, wo der Erfolg wahrscheinlich ist. Speziell im Bereich der Flugverspätungs-Entschädigung im Anwendungsbereich der EU-Flugastrechte-Verordnung lässt sich der Erfolg auf Grundlage einiger weniger Parameter mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhersagen.
Im Erfolgsfall schuldet die Fluggesellschaft neben der Entschädigung allerdings auch den Ersatz von Anwaltskosten, wenn sie sich zum Zeitpunkt der Beauftragung eines Rechtsanwalts mit der Entschädigungsleistung in Verzug befunden hat.

Der Chatbot als Hilfe zur Selbsthilfe
Hier kommt der Chatbot ins Spiel: Als kostenlose Internetanwendung leistet er dem Rechtsuchenden zunächst Hilfe zur Selbsthilfe, indem er den bestehenden Anspruch identifiziert und gegenüber der Fluggesellschaft im Namen des betroffenen Passagiers geltend macht. Im Rechtsinne setzt der Chatbot die Fluggesellschaft vor der Beauftragung des Anwalts in Verzug. Leistet die Fluggesellschaft – wie meist – nicht rechtzeitig oder nicht in der gebotenen Form, sind im Falle der Beauftragung von RATIS nunmehr auch die Anwaltskosten erstattungsfähig. Im Erfolgsfalle erhält der Rechtsuchende dann – anders als bei den alternativen Anbietern – die volle Entschädigung.

Im konkreten Anwendungsfall schafft der Chatbot also die Voraussetzungen für die Erstattungsfähigkeit von Rechtsverfolgungskosten. Dies lässt sich ohne weiteres auch auf andere Bereiche außerhalb der Flugverspätung übertragen. Doch Anwalts-Chatbots können noch mehr, wie
der RATISBOT demnächst unter Beweis stellen wird. Mehr wollen wir noch nicht verraten. Nur soviel: bis zum nächsten Frühling wird es nicht dauern.

Martin Bartenberger und Sven Galla

Kontakt

Julia Brünjes
Marketing & PR
Tel.: 040 30706-199
julia.bruenjes(at)law-school.de