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31.05.2017

Legal Tech – Tendenzen 2017 (Teil 1)

Gastbeitrag von Dr. Petra Arends-Paltzer

1. Kurzer Exkurs in die Vergangenheit

Während die Digitalisierung von Anwaltsleistungen in deutschsprachigen Ländern erst begonnen hat, ist sie in anderen Ländern längst erfolgreich etabliert.

2001 gründeten die beiden Anwälte Brian Lee und Robert Shapiro LegalZoom. Sie starteten mit 10 web-basieren Produkten mit einem Fokus auf Nachlassplanung, Geschäftsaufbau und IP.  Schon bald sprach sich herum, dass es im Internet sofortige Hilfe für Rechtsprobleme gab. Heute beschäftigt LegalZoom fast 900 Mitarbeiter und kommt in den USA auf einen Bekanntheitsgrad von 80 Prozent.

Anwälte sollten wachsam sein!

Wenige Jahre gibt der britische Autor Richard Susskind den Anwälten noch bis der Computer ihre Routinearbeit übernimmt. Bis Rechtsstreitigkeiten per Mausklick beigelegt werden. Bis manch ein Anwalt seinen Job verliert – denn, wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

Während die Anwaltschaft diese provokanten Thesen nur schwer verdauten oder überwiegend schlichtweg ignorierten, nahmen sich auch in deutschsprachigen Ländern die Start-Ups - unterstützt mit Venture Capital - dieser Thematik an. Schier unendlich ist die Liste der Legal Tech Start-Ups und sie nimmt täglich zu. Schwerpunktmäßig  konzentrieren sie sich in den Bereichen Online Dispute Resolution (Online Streitbeilegung); Case Management, Research, Legal Research, Legal Education, Compliance; E-Discovery, Vertragsmanagement, Automatisierung von Dokumenten und ganz generell SaaS = Software as a Service. Dass viele Start-Ups auch wieder scheitern (wie unlängst im Frühjahr 2017 das Berliner Unternehmen LegalBase) gehört ebenfalls mit zum Boom dazu. Scheitern ist in der Start-Up Szene schon lange kein Makel mehr. Scheitern ist Teil des Erfolges, es gibt eine Kultur des Scheiterns.

Neue Rechtsdienstleistungsindustrien

Schon heute werden Standardaufgaben durch intelligente Software übernommen. Interessanter ist dann schon die Frage, wer sich den technologischen Fortschritt zunutze machten wird? Die Anwaltschaft oder eine neue Industrie für Rechtsdienstleistungen, in der Anwälte nur noch eine untergeordnete Rolle spielen?

Flightright.de, Geblitzt.de, das von Rechtsanwalt Daniel Biene mit Venture Capital Unterstützung in 2012 geründete und mittlerweile von Wolters Kluwer erworbene Unternehmen ‚Smartlaw‘, Bahn-Buddy oder der im Frühjahr 2017 lancierte Chatbot RATISBOT der Passauer Anwaltskanzlei RATIS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH sind hervorragende Beispiele diese neuen Rechtsdienstleistungsindustrien.

2. Stars der Digitalisierungsbranche wollen die europäischen Märkte erobern!

Am 7. September 2016 haben der amerikanische Konzern Rocket Lawyer und Editions Lefebvre Sarrut (ELS), ein führender europäischer Rechtsverlag, ihr Joint Venture zur Markteinführung von Rocket Lawyer Europe vorgestellt. Rocket Lawyer konzentrierte sich von Anfang an auf die KMU und war in den USA und UK insoweit Vorreiter bei der elektronischen Bereitstellung juristischer Dokumentationen, die mit anwaltlicher Unterstützung erstellt wurden. Mit über 14 Millionen Kunden hat sich Rocket Lawyer rasch zu einem der führenden digitalen Rechtsdienstleister  - vornehmlich im KMU Umfeld -  entwickelt.

Welche Zielgruppe hat Rocket Lawyer im Auge?

Eine US Umfrage aus dem Jahr 2014 ergab, dass 55% der KMU Betriebe ihre ‚juristischen Belange‘ selber regeln, da sie die Beratungskosten nicht tragen können. Sie nehmen mit anderen Worten keine anwaltliche Leistung in Anspruch und akzeptieren daraus entstehende Risiken und Fehler.

Genau dies ist die Zielgruppe von Rocket Lawyer und zahlreichen anderen Alternative Legal Service Providern (ALSP), die sich jetzt anschicken, den europäischen Markt zu erobern.

Neue Märkte werden erschlossen

"Our mission is to make high quality legal services affordable and simple for everyone, regardless of where they live or how much money they have to spend." He continued: "We are proud of the commitment ELS is making to deliver European lawyers modern digital tools to bring the benefits of affordable legal services to all."
Christophe Chevalley – General Manager Rocket Lawyer Europe


Marktchancen oder Bedrohung?

Rocket Lawyer und fast alle anderen ALSP haben mit ihren Konzepten einen bisher quasi brachliegenden Markt erobert und erreichen Zielgruppen, die bisher keine (oder nur ungenügende) Rechtsleistungen in Anspruch genommen haben. Dies wird unter dem Begriff ‚A2J‘ diskutiert. ‚A2J‘ ist in den USA, wo sich zahlreiche Bevölkerungsgruppen keinen Zugang zum ‚Recht‘ leisten können, ein heißes Thema (aber nicht nur dort). Die Businessmodelle der sogenannten ‚Alternative Legal Service Providers‘ oder kurz ‚ALSP‘ setzen dann auch genau bei diesem Marktsegment an. Da auch im deutschsprachigen Raum fast 70% aller Privaten und Unternehmer aus Angst vor den Kosten keinen Rechtsrat in Anspruch nehmen, fokussieren sich auch hier die neuen Rechtsdienstleister auf dieses Segment und operieren mit vergleichbaren Business Modellen.

Mit diesem Service gibt es somit ‚win-win-Situationen‘ sowohl für die KMU’s und Privatpersonen, als auch für die Anwälte bzw. die neuen Rechtsdienstleister, da neue Märkte systematisch erschlossen werden können. Bezahlbarer Rechtsrat auf der einen und Zugang zu neuen Mandanten/Kunden auf der anderen Seite.

Warum Anwälte davon profitieren können?

Anwälte, die sich mit diesen Rechtsdienstleistern zusammenschließen, erhalten Zugang zu einer Gruppe, die sie bisher (wegen der Angst der Kunden vor den Kosten) nicht erreichen konnten. Diese Rechtsdienstleister erschliessen mit viel Venture Capital und mit ebenso viel PR & Marketing Einsatz Märkte, deren Teilnehmer bisher Rechtsdienstleistungen schlicht und ergreifend nicht in Anspruch genommen haben. Und genau hier liegt die ‚win-win‘ Situation für alle Beteiligten.
Und wie genau funktioniert das??

Angeboten wird zum Teil kostenlos zugänglicher Rechtsrat in verständlicher Sprache. Daneben wird Rechtsrat von lokalen Anwälten entweder in einem Q&A Format oder in Echtzeit Beratung erbracht. Durch ein Netzwerk von Anwälten werden Unternehmer in allen rechtlichen Fragen vertreten, zudem sind die Gebühren wesentlich geringer.
Auf der patentierten Rocket Lawyer Q & A ™ -Plattform werden kundenspezifische Rechtsdokumente erstellt, die von lizensierten Anwälten überprüft werden. 

Rocket Lawyer Europe ist 2016 in Frankreich gegründet worden und schon heute kündigt das Unternehmen an, dass andere europäische Länder (allen voran die deutschsprachigen) bald folgen werden. Derzeit wird aktiv nach europäischen Anwälten Ausschau gehalten, die dem Network beitreten wollen.

Ganz nebenbei; um die PR und Marketing Maschine zu starten, hat Rocket Lawyer keinen geringeren als Burson-Marsteller – eine in mehr als 50 Ländern tätige, weltweit agierende Public-Relations-Agentur - engagiert! Das sollte einem zu denken geben, denn gegen die PR Macht dieser Giganten (mehr dazu noch im Verlaufe dieses Artikels) können einzelne Anwälte, die in diesen Rechtsgebieten ihren Service anbieten, schlicht und ergreifend nicht mithalten.

3. Können Anwälte auf Dauer diesem Digitalisierungsdruck standhalten?

Wie mit allen grundlegenden Änderungen gibt es Gewinner und Verlierer, aber eins ist sicher: einfachste Dienstleistungen werden in Zukunft nicht mehr von Anwälten erbracht werden, da es für viele anwaltliche Leistungen eine Software geben wird. Aber um es positive zu formulieren „early adaptors“; also Anwälte, die sich mit diesen Techniken auseinandersetzen, werde diese Tools ihrerseits nutzen, ihren Kunden diese Dienstleistungen ebenfalls anbieten und sich auf die komplexen Rechtsfälle konzentrieren.

Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden.

Die oftmals vorhandene Einstellung „Wir sind so spezialisiert, das betrifft uns nicht“ oder auch sehr gerne „Ich bin schon Anfang 50, bis sich das durchgesetzt hat, bin ich in Rente“ wird der Dynamik, mit der die Digitalisierung voranschreitet, nicht gerecht. Auch die immer wieder zitierten (und oft vorgeschobenen) Standesregeln („standesrechtlich nicht erlaubt“), werden auf Dauer den Fortschritt der Digitalisierung nicht aufhalten. Denn die Standesorganisationen werden angemessen reagieren müssen. Wenn vormals anwaltliches Business nun von Dritten erbracht wird, die mit dem anwaltlichem Standesrechts nichts zu tun haben, werden die Standesorganisationen schon wirtschaftlich zum Umdenken gezwungen werden.

Darüber hinaus sollte die Anwaltschaft auch nicht den (Kosten-) Druck der Kunden (B2B und B2C) unterschätzen. Wenn Arbeiten automatisiert werden können, werden die Kunden verlangen, dass auch die Anwaltschaft Arbeiten, die automatisiert werden können, automatisiert erbringt. In den USA üben die Inhouse Counsel, die ihrerseits bereits schon erfolgreich mit ALSP arbeiten, diesen Druck direkt und unmittelbar auf die Anwaltschaft aus und verlangen, dass diese ebenfalls digitale Tools zur Fallbearbeitung einsetzen. Das billable hour-Modell funktioniert hier zumindest nicht mehr. In Deutschland gibt es auch erste Ansätze dazu: Inhouse-Juristen zeigen lebhaftes Interesse an technischen Möglichkeiten, um Rechtsdienstleistungen zu vereinfachen und kostengünstiger zu erhalten.

Die Anwaltschaft darf diese Entwicklungen nicht ignorieren, ansonsten wird sie noch mehr Geschäft an Dritte verlieren, die oftmals keine Berufsträger sind.

Waren es bei LegalZoom, Legalbase und Smartlaw noch innovative Kollegen, die ein digitalisiertes Business gestartet haben (wenngleich mit Hilfe von VC und PE) startet jetzt (in der Schweiz) ein bestens kapitalisierter Medienriese in den Ring, das sollte zu denken geben!

Axel Springer & Ringier Medien steigen ein!

Im Mai 2016 haben Axel Springer & Ringier Schweiz Guider lanciert; der neue digitale Berater des BEOBACHTERS (eine alle 2 Wochen erscheinende Schweizerische Konsumenten & Beratungszeitschrift, die sich an den Mittelstand richtet).
Guider CH ist ein Rechtsdienstleister, der sämtliche Themen rund um Familie, Arbeit, Bildung, Wohnen, Staat, Finanzen und Konsum abdeckt. Die Plattform selber ist stark auf die Nutzung mit mobilen Geräten ausgerichtet. Die juristischen Dienstleistungen sind in verschiedene „Produkte“ verpackt (Basis, Best, Premium) die Nutzer können auf zahlreiche Merkblätter, Informationen und Echtzeit-Beratungen durch Anwälte zugreifen. Ob Guider erfolgreich sein wird, wird die Zukunft zeigen. Aber eines ist schon jetzt klar, hier steigt ein Medienriese ins Geschäft, der seinen Service auf allen seinen on- und offline Kanälen vermarkten wird.

Soweit für heute – beim nächsten Mal:
Wie sind die US-Amerikaner damit umgegangen? Was kann man konkret tun?


Über Dr. Petra Arends-Paltzer

Dr. Petra Arends-Paltzer, Jurastudium in Bonn, Lausanne, Würzburg und Berlin, danach hatte sie als Anwältin und Projektmanagerin vornehmlich im Rechts-und Finanzumfeld u.a. bei der Dresdner Bank, der Citibank, UBS und J.P. Morgan gearbeitet und große internationale Projekte in den USA, UK, Asien und Europa geleitet.

Sie war Mitglied im Brand Management Team der UBS und verfügt über mehr als 15 Jahre Berufserfahrung im (digital) Marketing, Kommunikation und Social Media.

Seit einigen Jahren berät sie Anwälte bei der Implementierung neuer, digitaler Geschäftsmodelle. Sie ist Mitglied im LegalTech Center, Mitbegründerin der Swiss Legal Tech Conference und Gründerin von www.lawyer-marketing.net

Dr. Petra Arends-Paltzer

Kontakt

Julia Brünjes
Marketing & PR
Tel.: 040 30706-199
julia.bruenjes(at)law-school.de