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09.04.2017

Nr. 5: Conference FutureLaw 2017 – Legal Tech Tour

Silicon Valley Reisetagebuch 2017 von Markus Hartung

Am Donnerstag, 6.4.2017, fand zum fünften Mal die Future Law statt. Veranstalter ist das CodeX (genauer: The Stanford Center for Legal Informatics at Stanford Law School, früher Stanford Center for Computers an the Law. Wie berichtet ist das CodeX das weltweit führende Institut für die Digitalisierung des Rechtsmarktes. Dort finden Forschung und Lehre statt, aber getreu der Philosophie der Stanford University ist das CodeX ein Brutkasten für Start Ups im Rechtsmarkt. Von dort stammen viele inzwischen sehr große und bekannte Technologieunternehmen. Gründer und Leiter des Codex ist Roland Vogl, ein Österreicher, der vor vielen Jahren in Stanford hängengeblieben ist. Christian Solmecke hat ihn für uns interviewt, hier geht es zu dem Interviewvideo.

Das Bucerius Center on the Legal Profession und das CodeX sind „eng befreundet“, wenn man das so sagen kann. Es findet ein regelmäßiger Austausch über die neuesten Entwicklungen statt, Roland Vogl ist regelmäßig in Hamburg zu Gast, Bucerius-Mitarbeiter regelmäßig in Stanford.

Die jährliche Konferenz versammelt alle, die mit der Entwicklung des Rechtsmarkts zu tun haben. Es geht längst nicht nur um Technologie, sondern darum, wie man die Branche oder Profession modernisiert. Das klingt fast zu unschuldig, weil der Rechtsmarkt aus unserer Sicht im Großen und Ganzen funktioniert. Aber in den USA ist der Zugang zum Recht (Access to Justice, A2J) eins der beherrschenden Themen geworden. Man geht davon aus, dass 80% der US-amerikanischen Bevölkerung keinen Zugang zum Recht hat, entweder weil sie sich keinen Anwalt leisten können oder weil ihnen gar nicht klar ist, dass sie überhaupt so etwas wie „ein Recht haben“. In 90% aller Kündigungs- und Räumungsverfahren sind die betroffenen Mieter, die zu den Ärmsten und den Benachteiligten gehören, nicht anwaltlich vertreten, und in familienrechtlichen Angelegenheiten ist der Prozentsatz ähnlich hoch. Anwälte sind zu teuer, und Legal Aid, also die amerikanische Variante von Prozesskosten- und Beratungshilfe, ist zusammengestrichen worden. Solange „nur“ die Menschen betroffen waren, hat das niemanden sehr interessiert, aber nun kommt die Justiz an ihre Grenzen, weil jedes Rechtspflegesystem auf Anwälte angewiesen ist. Hier kommt Technologie ins Spiel, denn damit ist es möglich, Menschen beim Zugang zum Recht zu helfen.

Auf der Konferenz spielte das in zweierlei Hinsicht eine Rolle: Gillian Hadfield, Professorin für Jura und für Economy an der University of Southern California, führte in einem fulminanten Vortrag in das Thema ein, aber nicht auf rein amerikanischer, sondern auf globaler Ebene. Sie hat jüngst ein Buch veröffentlicht, „Rules for a Flat World: Why Humans Invented Law and How to Reinvent It for a Complex Global Economy“, in dem sie dargelegt hat, wie wenig unsere nationalen Rechtssysteme für die Meisterung der Globalisierung geeignet sind, und dass auf globaler Ebene das Thema globaler Regeln und Zugang zum Recht letztlich entscheiden wird, ob wir an der Globalisierung scheitern werden oder nicht. Der Begriff „Flat World“ stammt wiederum von dem Buch „The World is Flat“ von Thomas Friedman, das im Jahr 2005 erschien und für Furore gesorgt hatte – es ist eine rückblickende Schilderung, warum moderne Gesellschaften untergehen. Alles etwas sehr gloomy, das muss man nicht teilen, aber extrem interessante Thesen, und angesichts der globalen Probleme von Krieg, Hunger, Korruption und Klimakatastrophen vielleicht doch ein wichtiges Plädoyer dafür, diese Probleme anzugehen und dafür Regeln zu schaffen. Der Vortrag war jedenfalls super, ich habe lange nicht mehr so interessante Thesen gehört.

Die Konferenz befasste sich außerdem in fünf Panels mit verschiedenen Themen – z.B. Predictive Analytics in Law. Das meint die Frage, ob man durch Auswertung z.B. von Gerichtsentscheidungen valide Vorhersagen über den Ausgang vomn Entscheidungen treffen kann. Für uns klingt das völlig unwahrscheinlich, aber in den USA gibt es seit Jahren entsprechende Forschungen und mehrere Unternehmen wie z.B. Ravel Law oder Lex Machina, die solche Dienstleistungen sehr erfolgreich anbieten. Für uns absolute Zukunftsmusik, wir regen uns allenfalls über so etwas wie Richterscore auf oder belächeln es, je nach dem. Aber dass zunehmend die Bereitschaft schwindet, richterliche Entscheidungen als etwas rein Institutionelles oder quasi Naturgegebenes hinzunehmen, sollte nicht überraschen.

Für mich war der interessanteste Teil der Konferenz eine Diskussion über bzw. Präsentation von Legal Chatbots. Chatbots sind textbasierte Dialogsysteme, also Systeme, mit denen man „sich unterhalten“ oder chatten kann, obwohl auf der anderen Seite nur ein Computer sitzt. Mehrere Studenten von Stanford präsentierten Chatbots, die sie programmiert hatten. Die präsentierten Systeme haben einen erstaunlichen Perfektionsgrad, und ihre Erfinder sind zum Teil gerade volljährig gewordene Studenten, die aus überwiegend idealistischen Gründen das Thema Zugang zum Recht sehr praktisch angehen, in dem sie Hilfesysteme schaffen für diejenigen, die ansonsten ohne Hilfe wären. Der bekannteste Vertreter ist vermutlich Joshua Browder, ein Brite, der das System DoNotPay erfunden hatte, mit dem man sich gegen Knöllchen, also Verwarnungen und Bußgeldbescheide wegen Parkverstößen wehren kann. Inzwischen hat er eine Reihe weiterer Chatbots programmiert, nebenher studiert er an der Stanford Law School. Ähnlich bekannt ist Visabot, ein Chatbot, der Immigranten bei Visaproblemen hilft, mit dem schönen Claim: „I help Immigrants to make America great again“. Gründer sind Artem Goldman und Andrej Zinoviev, zwei junge russische Einwanderer, die in Stanford studieren. Roland Vogl gehört zu ihren Beratern. Auch hier das Thema Zugang zum Recht für diejenigen, die es anderweitig nicht bekommen würden.

Natürlich kann man an solchen Chatbots viel kritisieren, teilweise auch zu Recht. Aber andererseits adressieren sie ein existierendes Problem, und deshalb sollte man sich eher Gedanken darüber machen, wie man die damit verbundenen Risiken in den Griff bekommt. Ich bin gespannt, wann diese Diskussion in Deutschland ankommt, bisher tut sich da ja nicht so viel. Allerdings gibt es schon Legal ChatBots für Anwälte, etwa von Claudia Otto, einer Frankfurter IT-Anwältin, aber das ist alles noch sehr vereinzelt.

Mein nächster Blog wird wieder etwas kürzer, wir sind auch fast schon wieder auf dem Weg nach Deutschland. Leider.

Markus Hartung

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