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30.10.2019

Anwaltszukunftskongress klingt groß für mich: namhafte Referenten und davon eine ganze Menge

Ein persönlicher Kongressbericht

Gleich der Einstieg hat bei mir einen Wow-Effekt hervorgerufen: Es ging um Cyborgs. Längst keine Science-Fiction mehr. Denn wir selbst - ich inklusive - und viele unserer Mitmenschen sind sog. Upgraded Humans mit gelaserten Augen, Herzschrittmachern oder implantierbaren Hörgeräten. Referent Dr. Patrick Kramer selbst öffnet schon seit Jahren seine Haustür nicht mehr mit dem Schlüssel, sondern mittels eines implantierten Chips. Futurist Christopher Peterka forderte die Anwaltschaft auf, das Thema Legal Tech anzunehmen und den Mehrwert zu erkennen. Der Anwalt solle weg vom "Trusted Advisor" hin zum "Augmented Expert". Linus Neumann führte einen typischen Hacker-Angriff vor ("Achtung: nicht zu Hause nachmachen!") und erinnerte die Teilnehmer an einen für die Sicherheit relevanten Grundsatz: "Kein Backup, kein Mitleid!". Auf dem Weg zu Digitalisierung und Legal Tech muss wohl auch an den Grundlagen gearbeitet werden.

Wie soll nun aber Legal Tech in die kleinen bis mittelgroßen Kanzleien Einzug halten? Nico Kuhlmann (Hogan Lovells), Stefan Schicker (SKW Schwarz) und Martin Gerner (TaylorWessingDE) zeigten, wie Anreiz und Umsetzung von Legal Tech in den Großkanzleien erfolgt. In den Breakout-Sessions wurde die Praxis greifbarer. Die Tech-Lösungen für die "Effizienzsteigerung in der Kanzlei" zeigten, wie aktuelle Tools und Software wie TeamDocs von Wolters Kluwer, die eine zeitgleiche Bearbeitung verschiedener Personen an einem Dokument ermöglicht, ohne den Überblick dabei zu verlieren oder die Software von rfrnz mithilfe derer Juristen eine automatisierte Vertragsanalyse basierend auf Künstlicher Intelligenz einsetzen können. Das erfordert dann aber meist doch wieder größeres technisches Verständnis oder nicht selten einen Programmierer. Bevor also mit Legal Tech Zeit und Geld gespart werden kann, muss erstmal investiert werden. Das tun durchaus schon einige Kanzleien, für andere Kanzleien bewegt sich das aber außerhalb ihres Budgets. Vor dem Hintergrund der sinkenden Anzahl zugelassener Anwälte und gleichzeitig steigender Arbeitslast erscheint Innovation durch technische Hilfsmittel dennoch unumgänglich.

Meist waren es die Blicke über den anwaltlichen Tellerrand, die einen konkreten Einsatz von „Tech“ im Arbeitsalltag zeigten. Wie z. B. Vertragsabschlüsse und Schadensmeldungen in der Versicherungsbranche, die bereits heute über Chatbots inklusive automatisierter Plausibilitätsprüfung via Gesichtserkennung erfolgen. Auch das Design Thinking ist bereits in allen Bereichen der Industrie zu finden. Nur ist eben in der Rechtsbranche noch nichts richtig angekommen. Die mühsam erlernten Arbeitsprozesse von Juristen haben eine ganz eigene Gravitation, der man sich nur schwer entziehen kann. Anwälte sollten dennoch versuchen, Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln anzugehen.

Entsprechend forderten die meisten Referenten des AZK2019 die Rechtsbranche auf, endlich innovativer zu werden. Dazu ist einerseits der Gesetzgeber gefordert, die passende Regelungen für das Berufsrecht zu finden und so die Integration von Legal Tech in die Rechtsberatung ermöglichen muss. Andererseits müssen die Anwälte anfangen selbst aktiv werden. Es wurde auch klar, dass Legal Tech Start-Ups den Anwälten nicht die Arbeit wegnehmen, sondern vielmehr Verbraucherrechte durchsetzen können, die mit hohem Kostenrisiko bei geringem Streitwert gar nicht zum Anwalt gelangt wären.

Die Veranstaltung wurde von einem tollen Spirit getragen. Dennoch bleibt das Gefühl, dass viele Kanzleien sich noch selbst im Weg stehen. Sie schauen zu, wie Tech Unternehmen Fortschritte machen, lehnen sich zurück und warten ab, statt sich auf den unausweichlichen Wandel zu wappnen. In diesem Sinne: "MAKE CHANGE HAPPEN".

Anne Schlenstedt LL.M. ist Wirtschaftsjuristin und Legal Engineer in Berlin

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